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Die Dialogreihe Vielstimmig altern bringt Fachleute, Engagierte und Interessierte aus Wissenschaft, Politik und Praxis zusammen. In mehreren Foren werden Themen des Alterns aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet – mit dem Ziel, neue Sichtweisen zu eröffnen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Ageismus – Altersbilder verändern, Teilhabe stärken

5. November 2025, 15:00–17:00 Uhr (online)

Grußbotschaft des Seniorenbeauftragten des Landes Brandenburg Norman Asmus

Zum Auftakt der Dialogreihe Vielstimmig altern führten Dr. Jens Forkel und Anke Pergande von der Akademie 2. Lebenshältfe in das Thema Ageismus ein und knüpften dabei an die Ergebnisse des Neunten Altersberichts der Bundesregierung an. Gemeinsam verdeutlichten sie, warum es notwendig ist, über Ageismus zu sprechen – und welche gesellschaftlichen Strukturen und Denkmuster ihn aufrechterhalten.

Alter betrifft alle, doch gesellschaftlich wird es häufig mit Defiziten wie Abhängigkeit, Abbau oder Belastung verbunden. Diese Bilder wirken nicht nur nach außen, sondern prägen auch, wie Menschen ihr eigenes Altern wahrnehmen. Der Altersbericht stellt Ageismus daher als eine zentrale Ungleichheitsdimension des Alters heraus: Er bezeichnet die Abwertung, Diskriminierung oder Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Alters – auf individueller, interpersonaler und struktureller Ebene.

Der Vortrag machte deutlich, dass Ageismus tief in gesellschaftlichen Normen verankert ist, die Jugend, Leistung und Geschwindigkeit überbetonen. Diese Haltung bleibt oft unbemerkt, weil sie als selbstverständlich gilt. Zugleich sind die Folgen gravierend: Ageistische Denkmuster schränken Teilhabechancen ein, mindern Lebensqualität und wirken sich nachweislich negativ auf Gesundheit und Wohlbefinden aus – besonders dann, wenn sie verinnerlicht werden.

Sie zeigten, wie Ageismus in Alltag, Arbeitswelt, Medien, Medizin, digitalem Raum und Rechtssystem sichtbar wird. Der Altersbericht benennt drei zentrale Strategien, um dem entgegenzuwirken

  • Bildung und Aufklärung, die realistische Altersbilder fördern
  • intergenerationale Begegnungen, die Vorurteile abbauen
  • öffentliche Kampagnen, die positive Altersdarstellungen stärken
Prof. Dr. Brauer: Ageism – Herkunft des Begriffs und Ansatzpunkte für Generationenarbeit

Prof. Dr. Kai Brauer stellte zentrale Gedanken zur Herkunft des Begriffs „Ageism“ und Ansatzpunkte für Generationenarbeit vor. Er zeichnete die Entstehung und Entwicklung des Begriffs Ageism nach und zeigte auf, welche Bedeutung das Konzept für die heutige Soziale Arbeit hat.

Der Begriff „Ageism“ wurde 1969 von Robert N. Butler geprägt, um systematische Vorurteile und Diskriminierungen gegenüber älteren Menschen zu beschreiben – analog zu Rassismus und Sexismus. In seinem Buch Why Survive? Being Old in America (1976) beschrieb Butler die gesellschaftliche Abwertung älterer Menschen als Folge struktureller Benachteiligungen, Altersarmut und institutioneller Ausgrenzung. Ageism umfasst stereotype Vorstellungen über Alter, diskriminierende Haltungen und Handlungen sowie politische und organisatorische Strukturen, die Menschen aufgrund ihres Alters benachteiligen oder ausschließen.

Prof. Brauer verdeutlichte, dass Ageism dort entsteht, wo altersbezogene Stereotype handlungsleitend werden und Ausschlüsse legitimieren – etwa durch die Vorstellung, Gesellschaften müssten sich „verjüngen“. Er verwies zugleich auf frühe politische und gesellschaftliche Gegenbewegungen in den USA: Der Age Discrimination in Employment Act von 1967 schuf erstmals rechtliche Grundlagen gegen Altersdiskriminierung, und Aktivist:innen wie Maggie Kuhn gründeten mit den Gray Panthers eine Bewegung, die sich für Würde, Gleichberechtigung und Solidarität zwischen den Generationen einsetzte.

Für die Soziale Arbeit in Deutschland betonte Brauer die Notwendigkeit, von der klassischen Altenarbeit zu einer sozialräumlich verstandenen Generationenarbeit überzugehen. Diese richtet sich nicht auf die Aktivierung einzelner Älterer, sondern auf die Gestaltung der sozialen Räume, in denen sie leben. Im Mittelpunkt stehen Inklusion, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe. Grundlage sind die Leitgedanken des Wiener Aktionsplans und die UN-Prinzipien für ältere Menschen, die Selbstständigkeit, Teilhabe, Selbstverwirklichung und Würde in den Vordergrund stellen.

Im Fazit machte Brauer deutlich, dass der Begriff Ageism in Deutschland zwar zunehmend bekannt ist, seine gesellschaftliche Bedeutung jedoch oft unterschätzt wird. Ein Bewusstsein für altersbedingte Diskriminierung zeigt sich vor allem bei Engagierten, während die breite Öffentlichkeit das Thema kaum wahrnimmt. Mit der schrittweisen Privatisierung der Altersvorsorge treten ökonomische Formen von Ageism wieder stärker hervor. Wie ältere Menschen in Zukunft an Gesellschaft und öffentlichem Leben teilhaben, hängt von den Strukturen ab, die heute geschaffen und mit Leben gefüllt werden.

Vielstimmig altern: Ageismus
PDF-Datei (724 kB), November 2025

Anke Pergande: Potenziale sichtbar machen – die Akademie 2. Lebenshälfte als gelebtes Beispiel gegen Ageismus

Als Praxisbeispiel stellte Anke die Akademie 2. Lebenshälfte vor – eine Institution, die seit mehr als 30 Jahren in Brandenburg Bildungs- und Begegnungsräume schafft, in denen ältere Menschen ihre Kompetenzen erweitern, sich engagieren und aktiv an der Gestaltung ihrer Lebenswelt mitwirken. Der Neunte Altersbericht der Bundesregierung betont, wie wichtig es ist, dass ältere Menschen ihre Erfahrungen und Fähigkeiten einbringen können. Genau hier setzt die Akademie mit ihrem breit gefassten Bildungsverständnis an: Lernen wird als Prozess der Selbstermächtigung verstanden, der auf Kompetenzförderung und Selbstwirksamkeit zielt.

Gegründet in der Nachwendezeit, war das ursprüngliche Ziel, Chancengleichheit für ältere Arbeitsuchende herzustellen. Sprach- und EDV-Kurse bildeten den Kern des Angebots, ergänzt durch Programme zur kulturellen, politischen und beruflichen Weiterbildung. Dieses Fundament prägt die Arbeit der Akademie bis heute – inzwischen an acht Kontaktstellen im Land Brandenburg. Unter dem Leitmotiv „Lernen, Engagieren, Wandel gestalten“ hat sich das Tätigkeitsfeld in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erweitert: Neben Bildungsangeboten gehören heute auch zwei Ehrenamtsbüros, Projekte zur Bewegungsförderung Hochaltriger, zur Digitalisierung, zu Fachthemen rund ums Altern und zum Wohnen im Alter zum Profil der Akademie.

Ein besonders anschauliches Beispiel ist das Programm seniorTrainerIn Potsdam-Mittelmark. Es befähigt ältere Menschen, in ihren Gemeinden eigene Projekte zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. In einer neuntägigen Qualifizierung erwerben die Teilnehmenden Kenntnisse in Projektmanagement, Öffentlichkeitsarbeit und rechtlichen Grundlagen. Unterstützt durch erfahrene Mentor:innen gestalten sie lokale Veränderungsprozesse mit und tragen so zu einer lebendigen Engagementkultur bei.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt im Themenfeld Digitalisierung. Die Akademie begleitet ältere Menschen dabei, digitale Kompetenzen aufzubauen und den technologischen Wandel selbstbestimmt mitzugestalten. Projekte wie „Digital Fit“, eine Weiterbildung für Brandenburger Seniorenbeiräte, fördern digitale Handlungssicherheit und die Nutzung digitaler Werkzeuge in der kommunalen Arbeit. Mit mittendrin.in, einer digitalen Pinnwand, schafft die Akademie zudem eine barrierearme Plattform, über die soziale Akteure und engagierte Personen ihre Angebote sichtbar machen und Interessierte unkompliziert erreichen können.

Die Akademie 2. Lebenshälfte versteht sich als ein Ort der Möglichkeiten: Menschen können hier ihre Erfahrungen einbringen, Neues ausprobieren, sich vernetzen und gemeinsam Verantwortung übernehmen. Als verlässlicher Partner für Kommunen, Museen und Seniorenbeiräte stärkt sie regionale Netzwerke und trägt zur Entwicklung alter(n)sfreundlicher Strukturen bei. Zukünftig will die Akademie ihre digitalen Bildungsangebote weiter ausbauen, intergenerationelle Projekte intensivieren und neue Formen des Engagements erproben – damit ältere Menschen ihre Potenziale sichtbar leben und gesellschaftliche Teilhabe in allen Facetten Wirklichkeit bleibt.

Diskussion

In der Diskussion kamen verschiedene Aspekte von Ageismus und generationenübergreifender Teilhabe zur Sprache:

  • Strukturelle Diskriminierung:

Fehlende Arbeitsplätze im ländlichen Raum führen zu Abwanderung und erschweren familiäre Unterstützung; Altersgrenzen bei Banken oder Preisunterschiede bei Dienstleistungen benachteiligen ältere Menschen. Gesetze wie das Erbrecht berücksichtigen Pflichtteile, ohne tatsächliche Unterstützung zu reflektieren.

  • Selbstwahrnehmung und internalisierter Ageismus:

Ältere Menschen schränken sich selbst ein („noch kann ich…“) und unterschätzen ihre Fähigkeiten, was Teilhabe und Engagement hemmt. Altersdepressionen werden oft falsch diagnostiziert oder als Demenz fehlinterpretiert.

  • Gesundheit und Pflege:

Diagnosen wie Demenz treten zunehmend früher auf, jüngere Erkrankte werden oft übersehen. Menschen mit Demenz erfahren häufig Ausgrenzung, da ihre Fähigkeiten falsch eingeschätzt werden.

  • Generationendialog und Teilhabe:

Intergenerationelle Aktivitäten wie gemeinsames Kegeln oder Programme der Senioren- und Jugendbeiräte stärken den Austausch. Digitale Tools ermöglichen Verbindung über räumliche Distanzen hinweg.

  • Politische Verantwortung:

Seniorenbeiräte sollen und wollen Ageismussichtbar machen, sich politisch einbringen und Teilhabe fördern. Reformen im Bereich der Alter(n)spolitik sind politische Arbeit mit langfristiger Wirkung.

  • Kulturelle und gesellschaftliche Sensibilisierung:

Aufklärungs- und Anti-Ageismus-Kampagnen, Bildungsprogramme und intergenerationale Projekte können Altersstereotype abbauen. Die Diskussion betonte, dass ältere Menschen selbstbewusst auftreten und die Gesellschaft ein Bewusstsein für eine langlebige, nicht nur alternde Bevölkerung entwickeln sollte.

Die Kernaussage: Um Ageismus wirksam zu bekämpfen, braucht es politische Handlungsfähigkeit, intergenerationale Begegnungen, Sensibilisierung für interne und externe Diskriminierung sowie strukturelle Reformen, die Teilhabe und Gerechtigkeit ermöglichen.

Ministerium für Gesundheit und Soziales des Landes Brandenburg

 
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