Ministerium fĂĽr Gesundheit und Soziales des Landes Brandenburg
Die Dialogreihe Vielstimmig altern bringt Fachleute, Engagierte und Interessierte aus Wissenschaft, Politik und Praxis zusammen. In mehreren Foren werden Themen des Alterns aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet – mit dem Ziel, neue Sichtweisen zu eröffnen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Altersarmut und Einsamkeit
3. Februar 2026, 10:00 - 13:00 Uhr, online
Das vierte und letzte Dialogforum der Reihe „Vielstimmig altern“ widmet sich der zentralen sozialen Herausforderungen des Alterns: Altersarmut und Einsamkeit.
Diese Phänomene entstehen nicht isoliert, sondern
verdichten sich aus den strukturellen Ungleichheiten, die bereits
in den vorangegangenen Foren thematisiert wurden – von Ageismus
über ungleiche Gesundheitschancen bis hin zu vielfältigen
Lebenslagen älterer Menschen.
Prof. Dr. Claudia Vogel gibt im Impulsvortrag einen
Ăśberblick ĂĽber die Befunde des 9. Altersberichts der
Bundesregierung. Sie zeigt auf, wer besonders gefährdet ist, welche
Risiken bestehen und wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen die
Lebensqualität älterer Menschen prägen.
Praxisnahe Beispiele machen deutlich, wie Begegnung und Teilhabe konkret gestaltet werden können: die Tour des guten Alterns (Alterperimentale), Radeln ohne Altern und das alltagsunterstützende Angebot "Hin und Herz", die soziale Verbindung, Bewegung, Herzlichkeit und öffentliches Sichtbarwerden miteinander kombinieren.
Im anschlieĂźenden moderierten Austausch werden die
zentralen Fragen der Reihe noch einmal aufgegriffen: Welche
Zusammenhänge bestehen zwischen Ageismus, Gesundheit, Teilhabe und
Vielfalt – und wie wirken sie auf Altersarmut und Einsamkeit?
Welche strukturellen Barrieren verhindern gesellschaftliche
Integration im Alter, und wie lassen sie sich sichtbar machen? Welche
Handlungsmöglichkeiten eröffnen sich für Politik, Praxis und
Zivilgesellschaft, um Teilhabe und Lebensqualität älterer Menschen
zu stärken?
Das Forum schließt die Reihe „Vielstimmig altern“ ab
und lädt Interessierte ein, die Erkenntnisse der gesamten
Veranstaltungsreihe noch einmal zu bĂĽndeln, zu reflektieren und
gemeinsam Handlungsperspektiven zu diskutieren.
Begrüßung und Einleitung
Anke Pergande und Jenny Barthel eröffneten das vierte und letzte Dialogforum der Reihe „Vielstimmig altern“. Sie führten in das Thema Altersarmut und Einsamkeit ein und verwiesen auf die enge Verschränkung materieller Lebenslagen, sozialer Teilhabe und individueller Lebensverläufe im Alter. Ziel des Forums war es, wissenschaftliche Befunde mit praktischen Ansätzen aus Brandenburg zusammenzuführen und konkrete Handlungsmöglichkeiten sichtbar zu machen.
Prof. Dr. Claudia Vogel: „Armutsgefährdung und Altersarmut“
Professorin Dr. Claudia Vogel, Professorin für Soziologie und Methoden der quantitativen Sozialforschung an der Hochschule Neubrandenburg, eröffnete das Forum mit einem Impulsvortrag zu Armutsgefährdung, Altersarmut und ihren gesellschaftlichen Ursachen. Sie bezog sich dabei auf zentrale Befunde des Neunten Altersberichts.
Prof. Vogel machte deutlich, dass das Armutsrisiko im Alter insbesondere Frauen, alleinlebende Personen sowie Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit betrifft. Zentrale Ursachen seien struktureller Natur: der Gender Pay Gap und der daraus resultierende Gender Pension Gap, unterbrochene Erwerbsbiografien aufgrund von Sorgearbeit sowie ein Alterssicherungssystem, das stark auf Paar- und Familienmodelle ausgerichtet ist. Eigene Einkommen reichten für viele Frauen im Alter nicht aus, um den Lebensstandard zu sichern.
Entscheidend sei eine Lebenslaufperspektive: Ungleichheiten im Erwerbsleben setzten sich im Alter fort und verschärften sich. Armut wirke sich zudem auf die Lebenserwartung aus, die bei armutsbetroffenen Menschen geringer sei. Die Armutsgefährdungsgrenze liege aktuell bei 1.378 Euro monatlich und betreffe rund 3,3 Millionen Rentner*innen in Deutschland – mit weiter steigender Tendenz.
Als gesellschaftliche Rahmenbedingungen benannte Prof. Vogel unter anderem die Rentenreformen der Jahre 2001/2002, mit denen eine Teilprivatisierung der Alterssicherung eingeleitet wurde. Die gesetzliche Rente habe sich seither zunehmend von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung entkoppelt, während private Vorsorge für viele Menschen faktisch nicht leistbar sei. Gleichzeitig stiegen die Ausgaben für Grundsicherung im Alter, insbesondere aufgrund steigender Kosten für Wohnen, Pflege und Versorgung.
Armut im Alter habe häufig auch soziale Folgen: Geringe Einkommen führten nicht selten zu Rückzug und Isolation, oft verstärkt durch Scham. Einsamkeit sei dabei nicht zwangsläufig die direkte Folge von Armut, werde durch sie jedoch begünstigt.
Als zentrale Ansatzpunkte nannte Prof. Vogel die Verbesserung von Einkommens- und Vermögenschancen für Frauen, eine bessere Vereinbarkeit von Sorgearbeit und Erwerbstätigkeit, Reformen der Alterssicherung sowie einen stabileren und gerechteren Arbeitsmarkt. Für armutsbetroffene Menschen sei die Inanspruchnahme staatlicher Leistungen oft der einzige Weg, Armut zu lindern – Voraussetzung sei jedoch, dass Zugänge bekannt, erreichbar und niedrigschwellig gestaltet sind.
In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass vorhandene Leistungen häufig nicht bekannt oder schwer zugänglich sind. Mehrere Beiträge thematisierten Probleme bei der Beantragung von Wohngeld. Prof. Vogel betonte, dass Ablehnungen kein Einzelfall seien und ein Widerspruch eingelegt werden sollte. Norman Asmus ergänzte, dass fristgerechte Widersprüche formell notwendig seien und im Zweifel auch das zuständige Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung als Aufsichtsbehörde eingebunden werden könne. Hervorgehoben wurde zudem, dass auch Eigentümer*innen unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf Wohngeld in Form eines Lastenzuschusses haben.
Ein weiterer Diskussionspunkt war die Scham bei der Antragstellung. Prof. Vogel plädierte dafür, normative Schuld- und Schamdebatten zu beenden und stattdessen auf Aufklärung, persönliche Ansprechpersonen und ausreichend Beratungszeit zu setzen. Digitale Lösungen allein könnten bestehende Zugangshürden nicht überwinden, da viele ältere Menschen persönliche Beratung benötigten.
Zur betrieblichen Altersvorsorge erläuterte Prof. Vogel, dass zwar der Anteil derjenigen steige, die Leistungen daraus beziehen, diese jedoch insbesondere bei niedrigeren Einkommen häufig nur sehr geringe Beträge umfassen. Private Vorsorgemodelle wie die Riester-Rente bewertete sie kritisch und verwies auf die laufenden, kontrovers geführten Diskussionen in der Rentenkommission über die Zukunft des Alterssicherungssystems.
Videobeitrag: Einsamkeit im Alter
Im Anschluss wurde ein kurzer Videobeitrag mit dem Titel „Einsam im Alter“ gezeigt, der im Rahmen des Wettbewerbs „Einsam? Zweisam? Gemeinsam!“ der BAGSO entstanden ist. Der Beitrag verdeutlichte, dass finanzielle Einschränkungen Rückzug und Isolation begünstigen können, Einsamkeit jedoch kein neues Phänomen ist und durch gemeinschaftliche Ansätze wirksam verhindert werden kann. Die vorgestellten Initiativen zeigten, wie Begegnung, Teilhabe und niedrigschwellige Angebote Einsamkeit entgegenwirken können.
BAGSO: DE Anmelden Einsam im Alter - Erfahrungen
Annegret Huth, Erik Hofedank: Tour des guten Alterns
Mit der Tour des guten Alterns stellten Annegret Huth und Erik Hofedank ein Praxisforschungsprojekt der AlterPerimentale vor. Ziel ist es, die Lebensqualität älterer Menschen in der peripheren deutsch-polnischen Grenzregion Brandenburgs und Sachsens zu verbessern.
Im ländlichen Raum kumulierten häufig mehrere Herausforderungen: Altersarmut, Einsamkeit, fehlende Mobilität, mangelnder barrierearmer Wohnraum und geringe Angebotsdichte. Die AlterPerimentale verbinde Forschung und Praxis, indem sie mit den Menschen vor Ort arbeite, nicht über sie. Die Tour des guten Alterns sei als „Konferenz auf Rädern“ konzipiert, die Menschen aufsuche und miteinander in Beziehung setze. So entstünden neue Netzwerke, Erkenntnisse und Modelle guter Praxis.
Ein Schwerpunkt liege auf der sozialen Landwirtschaft, die Wohn-, Arbeits- und Begegnungsangebote für ältere Menschen auf Höfen und in landwirtschaftlichen Betrieben ermögliche. Ziel sei es, Beratungs- und Vernetzungsstrukturen aufzubauen, Konzepte zu verbreiten und geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen. Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern, insbesondere den Niederlanden, dienten dabei als Orientierung.
In der Diskussion wurde die große Offenheit der beteiligten Akteur*innen hervorgehoben sowie die Bedeutung kommunaler Lösungen betont. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen in einer Broschüre zusammengeführt werden.
Die Tour des guten Alterns 2025
Volkmar Gregor Bley: Radeln ohne Alter
Volkmar Gregor Bley stellte die Initiative Radeln ohne Alter vor, die sich für Teilhabe und gegen Vereinsamung älterer Menschen einsetzt. Mit Fahrrad-Rikschas ermöglicht die Initiative Menschen mit eingeschränkter Mobilität Ausfahrten und Begegnungen im öffentlichen Raum.
Die Initiative ist inzwischen in über 30 Ländern aktiv. Die Rikschas sind barrierearm nutzbar, auch für Rollstuhlfahrerinnen, und die ehrenamtlichen Pilotinnen werden geschult und versichert. Finanzierungen erfolgen häufig über Vereine, Träger der Wohlfahrtspflege, Bürgerbudgets oder Crowdfunding. In der Diskussion wurde das große Potenzial solcher niedrigschwelligen Mobilitätsangebote hervorgehoben.
Radeln ohne Alter: Wind im Haar
Andrea Lange: Hind und Herz (Alltagsbegleitung)
Andrea Lange berichtete aus ihrer Praxis der Alltagsbegleitung Hin & Herz in Potsdam. Im Mittelpunkt stehe das Dasein für Menschen und das Schaffen von Resonanz. Einsamkeit beschrieb sie als das Fehlen von Beziehung und Gegenüber – nicht als individuelles Versagen.
Die Alltagsbegleitung umfasse Gespräche, Spaziergänge, gemeinsame Aktivitäten und soziale Begleitung. Pflegeeinrichtungen seien häufig zeitlich überlastet und könnten diese Form von Zuwendung nicht leisten. Viele Menschen wüssten zudem nicht, dass der Entlastungsbetrag für solche Angebote genutzt werden kann.
Als zentrale Hürden benannte Andrea Lange Scham, Informationsarmut, begrenzte finanzielle Mittel und den Vertrauensaufbau, der Zeit benötige. Digitale Angebote könnten unterstützen, ersetzten jedoch keine persönlichen Kontakte. Gewünscht wurden besser gebündelte Informationen, Telefonhotlines, Präsenzangebote vor Ort sowie aufsuchende Formate wie präventive Hausbesuche.
In der Diskussion wurde betont, wie wichtig Geduld, persönliche Ansprache und verlässliche Beziehungen sind, insbesondere bei Menschen, die lange einsam waren.
Abschluss und Ausblick
In der abschlieĂźenden Zusammenfassung fĂĽhrte Anke Pergande die Ergebnisse aller Dialogforen zusammen. Die gewonnenen Erkenntnisse flieĂźen in die Fortschreibung seniorenpolitischer Leitlinien ein und werden auch in die Arbeit des Landesseniorenbeauftragten eingebracht.
Norman Asmus, Landesseniorenbeauftragter von Brandenburg, betonte, dass es in allen Foren um konkrete Handlungsmöglichkeiten gegangen sei. Er sprach sich für eine integrierte Politik für ältere Menschen aus und bezeichnete die Dialogforen als wichtigen „Themenspeicher“. Angesichts politischer Veränderungen und der anstehenden Koalitionsverhandlungen biete sich die Chance, zentrale Forderungen einzubringen.
Er verwies auf bestehende Programme wie den Pakt für Pflege und Pflege vor Ort, mahnte jedoch deren Verstetigung an. Kommunale Altenhilfestrukturplanung, neue Nachbarschaften, Familienzentren, Bildung im Alter und die Entwicklung eines Frühwarnsystems für soziale Lagen älterer Menschen seien zentrale Zukunftsaufgaben. Kommunen müssten gestärkt werden, um Bedarfe frühzeitig zu erkennen und aufzugreifen.
Mit dem Ausblick auf den Zehnten Altersbericht zum Thema Bildung und Lernen im Alter schloss er die Veranstaltung und die Dialogforenreihe.
