Ministerium fĂĽr Gesundheit und Soziales des Landes Brandenburg
Die Dialogreihe Vielstimmig altern bringt Fachleute, Engagierte und Interessierte aus Wissenschaft, Politik und Praxis zusammen. In mehreren Foren werden Themen des Alterns aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet – mit dem Ziel, neue Sichtweisen zu eröffnen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Diversität des Alters – Alter(n) vielfältig gestalten
07. Januar 2026, 10:00 - 13:00 Uhr (online)
Im dritten Dialogforum wird am 7. Januar 2026 die Auseinandersetzung mit diversitätssensiblen sozialen, gesundheitlichen und pflegerischen Herausforderungen gesucht. Der 9. Altersbericht der Bundesregierung rückt Vielfältigkeit und Diversität in den Mittelpunkt. Im Dialog mit Autoren des 9. Altersberichts diskutieren wir Ansätze für eine diversitätssensible Altenhilfe.
Mit
einem Impuls von Prof. Dr. Ralf Lottmann, Hochschule
Magdeburg-Stendhal: Wie älter werden in einer vielfältiger werdenden
Welt? Impulse aus dem Neunten Altersbericht zur diversitätssensiblen
Altenhilfe und Praxisbeispielen aus Berlin und Brandenburg.
Einführung
Zu Beginn des dritten Dialogforums begrüßte Moderatorin Jenny Barthel die Teilnehmenden und stellte Ziel und Ablauf der Veranstaltung vor. Bereits der Einladung entsprechend stand das Forum unter dem Schwerpunkt „Diversität des Alters – Alter(n) vielfältig gestalten“. Ziel war es, unterschiedliche Perspektiven auf Vielfalt im Alter sichtbar zu machen und das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten.
Um dies zu ermöglichen, waren Expert:innen aus unterschiedlichen Handlungsfeldern eingeladen, die sich in Forschung und Praxis mit Fragen diverser Lebenslagen im Alter auseinandersetzen. Nach dem Eröffnungsbeitrag von Prof. Dr. Ralf Lottmann folgten zwei Praxisbeispiele, die von Herrn Schütz und Herrn Johannes vorgestellt wurden.
Die Moderatorin erläuterte den Ablauf des Forums: Alle eingeladenen Referent:innen gaben jeweils einen inhaltlichen Input, in dem sie ihre Ansätze vorstellten und ihre Erfahrungen teilten. Im Anschluss an die Beiträge war Raum für Fragen und Austausch vorgesehen. Die Teilnehmenden wurden eingeladen, während der Inputs den Chat zu nutzen, um Fragen zu formulieren oder eigene Perspektiven einzubringen, die nach der Input-Phase aufgegriffen wurden.
Die Begrifflichkeit LSBTIQ*
Im Anschluss führte die Moderatorin in die Begrifflichkeit LSBTIQ* ein. Dabei erläuterte sie, dass es sich um ein Akronym handelt, das unterschiedliche sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten umfasst:
L = lesbisch (lesbian)
S/G = schwul (gay)
B = bi
T = trans
I = inter
Q = queer
+ / * = weitere Identitäten, Selbstbezeichnungen oder Lebensweisen
Der Begriff queer wurde als Selbstbezeichnung für Menschen erläutert, die sich mit ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität bewusst außerhalb gesellschaftlicher Normen verorten und Vielfalt offen leben. Das Plus im Akronym steht für die Offenheit des Begriffs und schließt Menschen ein, die sich in den genannten Buchstaben nicht vollständig wiederfinden.
Das Akronym LSBTIQ* dient dazu, unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar zu machen und über Erfahrungen von Ausgrenzung und Benachteiligung ins Gespräch zu kommen. Dabei wurde betont, dass sich Lebenslagen und Diskriminierungserfahrungen innerhalb der Gruppe deutlich unterscheiden können – etwa zwischen schwulen Männern und trans Personen.
Prof. Dr. Ralf Lottmann: „Wie älter werden in einer vielfältiger werdenden Welt? Impulse aus dem Neunten Altersbericht zur diversitätssensiblen Altenhilfe“
Den Eröffnungsbeitrag des dritten Dialogforums gestaltete Prof. Dr. Ralf Lottmann, Mitglied der Neunten Altersberichtskommission (2022–2024) und Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal mit Forschungsschwerpunkten u. a. in Sozialer Gerontologie, Gesundheits- und Sozialpolitik sowie Diversity und Versorgung.
Zu Beginn ordnete Prof. Dr. Lottmann den 9. Altersbericht der Bundesregierung ein. Altersberichte werden im zweijährigen Turnus erstellt und wechseln zwischen einem allgemeinen Bericht und einem Bericht mit spezifischem Schwerpunktthema. Der 9. Altersbericht ist wieder ein allgemeiner Bericht, setzt jedoch einen deutlichen Fokus auf Teilhabe und Zugangschancen im Alter. Prof. Dr. Lottmann betonte, dass die Kommission dabei bewusst den Mut gehabt habe, marginalisierte Gruppen stärker in den Blick zu nehmen, die in früheren Altersberichten kaum explizit thematisiert worden waren, darunter migrantische ältere Menschen sowie LSBTIQ*-Personen. Während LSBTIQ* bereits im 7. Altersbericht eine Rolle spielten, seien sie im 9. Altersbericht erstmals deutlich als Schwerpunkt berücksichtigt worden.
Ausgangspunkt seines Vortrags war die Frage, wie Altern in einer zunehmend komplexen und vielfältigen Gesellschaft gestaltet werden kann. Gesellschaftliche Transformationsprozesse führten zu immer heterogeneren Lebenslagen. Entscheidend sei daher, ob diese Vielfalt lediglich als Herausforderung wahrgenommen werde oder ob vorhandene Diversitätskompetenzen genutzt würden, um Unterschiede als Chance für eine zukunftsfähige Altenhilfe zu begreifen.
Ein zentraler Teil des Vortrags widmete sich den Lebenslagen älterer LSBTIQ-Personen*. Prof. Dr. Lottmann stellte heraus, dass sich diese in mehreren Punkten von heterosexuellen Lebensverläufen unterscheiden:
Eigene Kinder stehen im Alter deutlich seltener als Unterstützungsressource zur Verfügung. Daten aus dem DEAS 2021 zeigen, dass etwa 85 Prozent der heterosexuellen älteren Menschen mindestens ein Kind haben, während dies nur auf rund ein Viertel der lesbischen, schwulen oder bisexuellen Personen zutrifft.
Auch Partnerschaften sind im Alter seltener stabil vorhanden. Partner*innenlosigkeit ist insbesondere bei schwulen, bisexuellen Männern sowie bei lesbischen und bisexuellen Frauen vergleichsweise hoch.
Freund*innen übernehmen daher häufig eine zentrale Rolle als „Wahlfamilie“ und bilden das Rückgrat emotionaler und praktischer Unterstützung.
Diese Unterstützungsnetze seien jedoch fragil, insbesondere wenn Pflegebedürftigkeit eintritt. Freundinnen altern mit, eigene gesundheitliche Einschränkungen nehmen zu, und der Unterstützungsbedarf steigt.
Gleichzeitig bestehen bei vielen älteren LSBTIQ-Personen Vorbehalte gegenüber Regeldiensten der Pflege, ausgelöst durch negative Erfahrungen im Gesundheitssystem, durch Stigmatisierung oder die Sorge vor homo- und transfeindlichen Reaktionen. Die Angst, im Pflegekontext „nicht mit der eigenen Individualität vorzukommen“ oder sich erneut verstecken zu müssen, spiele dabei eine große Rolle.
Anhand weiterer Daten machte Prof. Dr. Lottmann deutlich, dass sich soziale Ungleichheiten auch in der Einkommenssituation widerspiegeln. Während schwule und bisexuelle Männer in bestimmten Altersgruppen teils geringere Armutsquoten aufweisen als heterosexuelle Männer, liegt die Armutsquote bei lesbischen und bisexuellen Frauen über der vergleichbarer heterosexueller Frauen. Trans-Personen* tragen innerhalb der LSBTIQ*-Gruppe das höchste Armutsrisiko.
Zudem verwies Prof. Dr. Lottmann auf eine erhöhte psychische Belastung über den Lebensverlauf hinweg. Depressionen, Burnout, Schlafstörungen sowie Suizidgedanken treten bei LSBTIQ*-Personen ab 50 deutlich häufiger auf als in der heterosexuellen Vergleichsgruppe. Gleichzeitig zeigte er auf, dass viele ältere queere Menschen eine gewisse Resilienz entwickelt haben, da sie im Laufe ihres Lebens gelernt haben, mit Stigmatisierung und Minderheitenstress umzugehen.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Differenzierung verschiedener queerer Alterskohorten. Prof. Dr. Lottmann unterschied u. a. zwischen der „Pre-Stonewall-Generation“, der „Gay Liberation Generation“ und jüngeren queeren Generationen. Insbesondere die älteren Generationen seien häufig „kampferprobt“, solidaritätserfahren und politisch organisiert, etwa durch Wohn- und Pflegeprojekte mit explizit queerer Ausrichtung.
Gleichzeitig thematisierte er unter dem Stichwort „Queer(y)ing Aging“ die anhaltende Notwendigkeit von Identitätsmanagement im Alter. Die Angst vor Abhängigkeiten, vor einem „Zurück in den Schrank“ oder vor dem Verlust von Selbstbestimmung nehme mit zunehmender Pflegebedürftigkeit zu.
Prof. Dr. Lottmann machte deutlich, dass LSBTIQ*-Pflegebedürftige keine Sonderbehandlung, sondern eine empathische, kompetente und individuelle Pflege erwarten – wie alle anderen auch. Problematisch sei jedoch, wenn Altenhilfeeinrichtungen implizit von einer „phantasierten Mehrheitsgesellschaft“ ausgehen und sich vor allem an weißen, christlichen, heterosexuellen Lebensmodellen orientieren. Dadurch würden andere Lebensweisen leicht unsichtbar.
Der 9. Altersbericht formuliert daher klare Handlungsempfehlungen: Regeldienste der Altenhilfe sollen pluraler und diversitätssensibler gestaltet werden; Gesetzliche Regelungen sollten stärker auch Freund*innen als Angehörige berücksichtigen; Forschungslücken, insbesondere zu bi-, trans- und intergeschlechtlichen Lebenslagen, müssen geschlossen werden; intergenerationelle Orte der Begegnung innerhalb von LSBTIQ*-Communities sollten gestärkt und die Sichtbarkeit älterer queerer Menschen erhöht werden.
Als Beispiel für praxisnahe Instrumente nannte Prof. Dr. Lottmann ein von der AWO entwickeltes Handbuch mit Checklisten, Muster-Pressemitteilungen und Serviceangeboten, das Wohlfahrtsverbänden zur Verfügung gestellt wurde und die Sichtbarkeit von LSBTIQ*-Themen in Pflegeeinrichtungen fördern soll.
In der anschließenden Diskussion wurde unter anderem nach ostdeutschen Besonderheiten gefragt. Prof. Dr. Lottmann erläuterte, dass es auch in der DDR queere Bewegungen gegeben habe, diese jedoch weniger sichtbar und stärker im privaten oder kirchlichen Kontext verortet gewesen seien. Dadurch seien Anschlussmöglichkeiten an Verbände heute teilweise schwieriger.
Auf die Frage nach dem Stand von Schulungen und Analysen in der Pflege verwies er auf einzelne Studien und Befragungen, etwa aus der Antidiskriminierungsforschung und von Hochschulen. Eine systematische bundesweite Erhebung in der Pflege stehe jedoch noch aus. Umso wichtiger sei Aufklärung, Sensibilisierung und der Aufbau von Verständnis auf allen Ebenen der Altenhilfe.
Andreas Schütz: Queersensible Pflege und Alltagshilfe
Im Anschluss an den Eröffnungsbeitrag stellte Andreas Schütz, Gründer von queer-pflege.de und „Alle Farben Alltagshilfe“, praxisnahe Ansätze queersensibler Pflege und Unterstützung im Alltag vor. Als Pflegeberater mit langjähriger Erfahrung in Berlin und Brandenburg gründete er 2020 das deutschlandweite, ehrenamtlich aufgebaute Portal queer-pflege.de. Ausgangspunkt waren wiederkehrende Erfahrungen aus der Pflegeberatung: queere Pflegebedürftige, die ihre Identität aus Angst vor Diskriminierung verbergen, Freund*innen als „Besuch“ deklarieren oder persönliche Spuren ihrer Lebensgeschichte vor Beratungsterminen hastig verschwinden lassen.
Diese Unsichtbarmachung ist historisch und biografisch tief verankert. Herr Schütz verwies auf fortwirkende Erfahrungen von Kriminalisierung, staatlicher Verfolgung und Stigmatisierung, etwa durch § 175, HIV-Diskurse oder den Ausschluss aus familialen Sicherungssystemen. Gerade im Pflegekontext, der durch Nähe, Intimität und Abhängigkeit geprägt ist, verstärken sich diese Ängste. Heteronormativ ausgerichtete Strukturen, unpassende Formulare oder implizite Annahmen zu Ehe, Kindern und Angehörigen führen dazu, dass LSBTIQ*-Personen Pflegeangebote meiden oder verzögert in Anspruch nehmen.
Vor diesem Hintergrund verfolgt queer-pflege.de das Ziel, Orientierung, Sicherheit und Empowerment zu schaffen. Die Plattform bündelt bundesweit queersensible Pflege- und Unterstützungsangebote, bietet eine LSBTIQ*-Pflegelandkarte, eine Hilfebörse, Ratgeber, Austauschformate sowie eine queersensible Pflegeberatung in Kooperation mit der Schwulenberatung Berlin. Ein zentrales Anliegen ist dabei die Niedrigschwelligkeit: kostenfreie Informationen, eine wertschätzende Sprache und die explizite Anerkennung von Wahlfamilien als relevante Unterstützungsstrukturen.
Herr Schütz betonte, dass queersensible Pflege keine „Sonderbehandlung“ meint, sondern eine Pflege, die individuelle Lebensgeschichten, Beziehungen und Identitäten respektiert, ohne Erklärungszwang. Eine sichere Umgebung wirke stressreduzierend, fördere psychische Gesundheit und entlaste Wahlfamilien. Zugleich ermögliche sie Pflege überhaupt erst, da Angst, Scham und Diskriminierung zentrale Zugangsbarrieren darstellen.
Ergänzend stellte Andreas Schütz das Angebot „Alle Farben Alltagshilfe“ vor, das seit Anfang 2025 besteht. Es richtet sich insbesondere an LSBTIQ*-Personen und an HIV-erkrankte Menschen und setzt bewusst auf konstante Bezugspersonen, diversitätssensible Arbeitsweisen und Sichtbarkeit im Alltag. Ziel ist es, frühzeitig Vertrauen aufzubauen, Unterstützung im Alltag anzubieten und Übergänge in weitergehende Pflegebedarfe zu erleichtern.
In der anschließenden Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob es spezieller LSBTIQ*-Angebote bedarf oder ob Regelstrukturen gestärkt werden sollten. Andreas Schütz plädierte für beides: queersensible Regelstrukturen durch niedrigschwellige Schulungen, klare Signale der Offenheit und Kooperationen vor Ort – insbesondere in ländlichen Räumen – sowie ergänzende spezialisierte Angebote dort, wo Schutzräume notwendig sind. Sichtbarkeit, so sein Fazit, beginne oft im Kleinen, etwa durch eine bewusste Haltung, eine klare Sprache oder ein erkennbares Zeichen der Offenheit.
Markus Johannes: Handreichung zur Sensibilisierung für LGBTIQ+ in der Pflege & Arbeit der Bundesinteressensvertretung schwuler Senioren (BISS)
Im dritten Impuls des Dialogforums stellte Markus Johannes die Arbeit der Bundesinteressensvertretung schwuler Senioren (BISS) sowie zentrale Erkenntnisse aus der Entwicklung einer Handreichung zur Sensibilisierung fĂĽr LGBTIQ+ in der Pflege vor. Als Projektkoordinator der Bundesfachstelle Pflege und Altern von LSBTIQ*-Personen und Menschen mit HIV verbindet er dabei Selbstvertretung, fachliche Netzwerkarbeit und politische Interessenvertretung.
Zu Beginn ordnete Johannes die Entstehung queerer Strukturen historisch ein. Die queere Community habe sich über Jahrzehnte hinweg durch eigeninitiatives Engagement entwickelt. Vor diesem Hintergrund stellte er die Frage, welche Rolle politische Akteur*innen heute einnehmen können und wie Politik strukturell zu einem Wandel beitragen kann. Dabei betonte er, dass es vor allem Offenheit und Zugänglichkeit brauche – nicht zwangsläufig sofort formale Zertifizierungen.
Die Bundesinteressensvertretung schwuler Senioren (BISS) sei aus der Selbstorganisation älterer schwuler Männer heraus entstanden und verstehe sich als deren Interessenvertretung. Ziel sei es, Selbsthilfe, Selbstorganisation und gesellschaftliche Teilhabe älterer schwuler Männer zu stärken sowie die Rehabilitierung der nach § 175 verurteilten Männer voranzubringen. Heute sind über 32 Gruppen, Vereine und Organisationen unter dem Dach von BISS zusammengeschlossen. Die Geschäftsstelle befindet sich in Köln und wird durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senior*innen, Frauen und Jugend gefördert.
Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Vorstellung der Handlungsempfehlungen der Hessischen Landesfachstelle LSBT* im Alter. Johannes erläuterte den Entstehungsprozess dieser Broschüre: Ausgangspunkt waren digitale Runde Tische, bei denen Bedarfe, bestehende Angebote und bestehende Lücken identifiziert wurden. Daraus entwickelte sich ein Fachforum, in dem unter anderem Textbausteine für die kommunale Altersplanung in Hessen erarbeitet wurden. Das Ergebnis war die Handlungsempfehlung „Vielfalt einbringen“, die im Januar 2025 an hessische Kommunen versandt wurde.
Ziel der Broschüre ist es, Menschen in Verwaltung, Politik und Praxis konkrete Orientierung an die Hand zu geben – auch jenen, die nicht in leitenden Entscheidungspositionen arbeiten, aber vor Ort etwas bewirken wollen. Die Handlungsempfehlungen sollen dazu beitragen, Bedarfe sichtbar zu machen, Marginalisierung entgegenzuwirken, Offenheit und Respekt zu fördern sowie Diskriminierung aktiv abzubauen und Barrieren zu beseitigen. Gleichzeitig sollen Kommunen befähigt werden, Hilfe- und Beratungsangebote für LSBTIQ*-Personen im Alter auszubauen.
Johannes hob hervor, dass Kommunen strukturell profitieren, wenn sie diversitätsoffen aufgestellt sind. Eine wertschätzende Haltung gegenüber queeren Lebensweisen trage dazu bei, die Attraktivität eines Ortes zu erhöhen und neue Ansiedlungen zu begünstigen. Die Broschüre habe in Hessen bereits konkrete Wirkungen entfaltet: In einigen Kommunen wurden neue Alterspläne entwickelt, die LSBTIQ*-Themen explizit berücksichtigen, und Senior*innenbeiräte haben begonnen, sich intensiver mit Vielfalt im Alter auseinanderzusetzen.
In der anschlieĂźenden Diskussion wurde unter anderem die Frage aufgeworfen, ob auf Bundeslandebene Kooperationen mit den Koordinierungsstellen fĂĽr gesundheitliche Chancengleichheit bestehen. Johannes verneinte dies fĂĽr den aktuellen Stand.
Der Beitrag machte deutlich, dass Sensibilisierung für Vielfalt im Alter nicht allein eine Aufgabe spezialisierter Projekte ist, sondern als Querschnittsthema kommunaler Altenpolitik verstanden werden sollte – niedrigschwellig, praxisnah und strukturell verankert.
Abschluss: Fragen, Diskussion und Ausblick
Im abschließenden Plenum bestand große Dankbarkeit für die vielfältigen Impulse, praxisnahen Einblicke und fachlichen Perspektiven, die im Verlauf des Dialogforums eingebracht wurden. Mehrere Wortmeldungen griffen konkrete Anregungen aus den Beiträgen auf und zeigten, wie diese weiterwirken können.
Bernd Schiller äußerte den Wunsch, die Plattform queer-pflege.de perspektivisch an das Projekt Mittendrin.in anzubinden, um Sichtbarkeit und Reichweite queersensibler Pflegeangebote weiter zu stärken. Er kündigte an, hierzu im Nachgang der Veranstaltung den Kontakt zu Andreas Schütz zu suchen.
Uta-Maria Temme, "Lange mobil und sicher zu Hause", betonte, dass Sensibilisierung nicht nur den betroffenen LSBTIQ*-Personen zugutekommt, sondern auch Fachkräften im Pflege- und Unterstützungsbereich neue Perspektiven eröffnet. Schulungen und Fortbildungen könnten dazu beitragen, Selbstreflexion anzuregen und einen erweiterten Blick auf Lebensrealitäten älterer Menschen zu ermöglichen – insbesondere bei Personen, die im Rahmen ambulanter Angebote in die Häuslichkeit älterer Menschen kommen.
In der kurzen Zusammenfassung der Ergebnisse wurde deutlich, dass queersensible Altenhilfe kein Nischenthema ist, sondern zentrale Fragen von Teilhabe, Würde und Versorgungsgerechtigkeit berührt. Die Beiträge des Forums machten sichtbar, wie eng individuelle Lebensgeschichten, strukturelle Rahmenbedingungen und professionelle Praxis miteinander verwoben sind.
Das Schlusswort sprach Norman Asmus, Landesseniorenbeauftragter von Brandenburg. Er hob hervor, dass aus jedem Dialogforum wertvolle Vernetzungen und neue Impulse mitgenommen würden und dass die Teilnehmenden „immer anders in die Welt gehen“ nach diesen Gesprächsrunden. Das Thema LSBTIQ* im Alter sei bislang in der organisierten Senior*innenarbeit kaum sichtbar und werde selten systematisch aufgegriffen. Umso wichtiger seien Handreichungen, konkrete Methoden und die Stärkung von Regelstrukturen, um mehr Menschen zu erreichen.
Asmus betonte, dass „queer und Alter“ bislang nur selten zusammengedacht werde, obwohl der Bedarf offensichtlich sei. Das Ideal einer individuellen und empathischen Pflege stehe zwar unter dem Druck des Pflegenotstands, bleibe aber ein zentraler Maßstab. Gleichzeitig verwies er darauf, dass gesellschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Druck notwendig sei, um Veränderungen auch in Verwaltung und Strukturen anzustoßen. Der Aktionsplan Queeres Brandenburg, der seit 2017 besteht, habe wichtige Fortschritte ermöglicht, wenngleich das Thema Alter bislang eine eher untergeordnete Rolle spiele.
Abschließend unterstrich Asmus die Chancen, die in der Vielfalt älterer Menschen liegen, und plädierte dafür, diese Heterogenität stärker sichtbar zu machen. Er lud dazu ein, die Themen gemeinsam weiter zu bearbeiten, bot sich als Ansprechpartner an und stellte seine Unterstützung in Aussicht.
Die Veranstaltung endete mit einem Dank an alle Referent*innen und Teilnehmenden sowie mit einem Ausblick auf das nächste Dialogforum am 3. Februar, das sich dem Thema Altersarmut und Einsamkeit widmen wird.
