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Die Dialogreihe Vielstimmig altern bringt Fachleute, Engagierte und Interessierte aus Wissenschaft, Politik und Praxis zusammen. In mehreren Foren werden Themen des Alterns aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet – mit dem Ziel, neue Sichtweisen zu eröffnen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Gesundheit & Teilhabechancen im Alter

3. Dezember 2025, 10:00-13:00 Uhr (online)

Gesundheit prägt maßgeblich, wie Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Der 9. Altersbericht zeigt eindrücklich, wie eng gesundheitliche Lage, soziale Voraussetzungen und Teilhabechancen miteinander verwoben sind – und wo strukturelle Hürden bestehen.

Im Dialogforum am 3. Dezember (10–13 Uhr, online) greifen wir diese Perspektiven auf.


Prof. Dr. Susanne KĂĽmpers gibt einen fundierten Einstieg in die gesundheitsbezogenen Befunde des 9. Altersberichts. Dr. Anna-Christina Kainradl, Universität Graz, ergänzt den wissenschaftlichen Blick um Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und der Benachteiligung älterer Menschen, die mehrfach diskriminierenden Faktoren ausgesetzt sind.

Aus der Praxis werden zwei Initiativen vorgestellt, die Teilhabe konkret stärken: Der Plaudertresen aus Kleinmachnow – ein offener Begegnungsort, an dem Gespräche im öffentlichen Raum entstehen und Einsamkeit verringert werden - sowie â€žklein aber oho e.V.“ – eine Selbsthilfeinitiative psychisch beeinträchtigter älterer Menschen, die Teilhabe selbst gestaltet. Zum Abschluss ordnet Norman Asmus, Seniorenbeauftragter des Landes Brandenburg, die Impulse fĂĽr den Prozess „Vielstimmig altern“ ein.

Prof. Dr. Susanne Kümpers: Altern und Gesundheit - soziale Teilhabe ermöglichen
Diamant der Faktoren sozialer Teilhabe aus dem 9. Altersbericht zur Darstellung der multidimensionalen Wechselwirkungen

Im Mittelpunkt des Vortrags von Prof. Dr. Susanne Kümpers stand der 9. Altersbericht der Bundesregierung „Alt werden in Deutschland – Vielfalt der Potenziale und Ungleichheit der Teilhabechancen“. Der Bericht rückt die enge Verflechtung von Gesundheit, sozialer Lage und gesellschaftlicher Teilhabe bis ins hohe Alter in den Fokus und macht deutlich: Altern ist vielfältig – die Chancen auf Gesundheit und Teilhabe sind jedoch ungleich verteilt.

Ein zentrales Ergebnis ist die ausgeprägte soziale Ungleichheit von Gesundheit. Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status haben eine kürzere allgemeine und gesunde Lebenserwartung, sind früher von chronischen Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit betroffen und erleben häufiger soziale Exklusion. Diese Benachteiligungen verstärken sich wechselseitig: Krankheit, Mobilitätseinschränkungen und geringe Teilhabe bedingen und verschärfen einander. Umgekehrt profitieren Menschen mit höherem sozioökonomischem Status von stabilen Gesundheitsverläufen, besseren Mobilitätschancen und größerer gesellschaftlicher Mitbestimmung.

Besonders hervorgehoben wurden die zusätzlichen Belastungen bestimmter Gruppen, etwa von Menschen mit Migrationsgeschichte sowie von LSBTI*-Personen. Diskriminierungserfahrungen, geringere Bildungs- und Einkommenschancen und sogenannter Minderheitenstress wirken sich auch im Alter negativ auf Gesundheit und Teilhabe aus. Diese Ungleichheiten überlagern sich zudem mit regionalen Disparitäten – etwa zwischen peripheren ländlichen Räumen und sozial benachteiligten Stadtteilen.

Große Bedeutung kommt dem Sozialraum zu. Das Wohnquartier prägt Gesundheitschancen und Teilhabemöglichkeiten maßgeblich. Umweltbelastungen wie Luftverschmutzung, Lärm und Hitze sind sozial ungleich verteilt. Gleichzeitig fehlen in benachteiligten Quartieren häufig Grünräume, die nachweislich Stress reduzieren, Bewegung fördern und soziale Begegnung ermöglichen. Auch Mobilität und Infrastruktur sind entscheidend: Barrierearme Wohnungen, ein zugänglicher öffentlicher Nahverkehr, fußgängerfreundliche Wege sowie wohnortnahe Versorgungsangebote bilden die Grundlage für Selbstständigkeit und Teilhabe – insbesondere im hohen Alter.

Ein weiterer Faktor ist Sicherheit und sozialer Zusammenhalt. Subjektive und objektive Unsicherheiten im öffentlichen Raum beeinträchtigen Wohlbefinden und Beteiligung. Demgegenüber stärken Vertrauen, nachbarschaftliche Unterstützung und gemeinschaftliches Engagement das sogenannte kollektive soziale Kapital und wirken gesundheitsfördernd.

Für die Gestaltung altersfreundlicher Lebensbedingungen wurden klare Handlungsprinzipien benannt: Partizipation, Empowerment, niedrigschwellige und zielgruppenspezifische Angebote, Kontinuität sowie der Aufbau tragfähiger lokaler Strukturen. Internationale Konzepte wie „Age-friendly Cities“ der WHO und Programme der Städtebauförderung zeigen, dass partizipative Quartiersentwicklung nicht nur Risiken mindert, sondern selbst sozialen Zusammenhalt und Gesundheit stärkt.

Deutlich wurden auch strukturelle Defizite in der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung. Zugangsprobleme zur ambulanten ärztlichen Versorgung nehmen zu, insbesondere in ländlichen Regionen und für statusniedrigere Gruppen. Die geriatrische Versorgung ist in Deutschland – vor allem ambulant – im internationalen Vergleich schwach entwickelt, was zu Versorgungsdefiziten bei multimorbiden älteren Menschen führt. Fehlende interprofessionelle und integrierte Versorgungsstrukturen begünstigen Unter-, Über- und Fehlversorgung.

In der Pflege verschärfen Personalmangel, steigende Kosten und unzureichende Steuerungsmöglichkeiten der Kommunen die Ungleichheiten. Ambulante und stationäre Pflegeangebote stehen unter Druck, Eigenanteile steigen, Rehabilitationspotenziale bleiben oft ungenutzt. Pflegebedürftigkeit erhöht damit insbesondere für benachteiligte Gruppen das Armuts- und Exklusionsrisiko.

Als Lösungsansätze wurden unter anderem der Aufbau ambulanter geriatrischer Zentren mit Care- und Case-Management, kommunale Pflegeplanung, Gesundheitskioske in benachteiligten Regionen sowie eine stärkere Öffnung von Pflegeeinrichtungen in die Quartiere benannt. Ergänzend braucht es diversity-sensible Versorgungskonzepte, eine stärkere Berücksichtigung von Versorgungsungleichheiten im Qualitätsmanagement sowie den Ausbau beratender, kommunikativer und psychosozialer Leistungen.

Der Vortrag machte insgesamt deutlich: Gesundheit im Alter ist kein rein medizinisches Thema. Sie entsteht im Zusammenspiel von sozialer Lage, Wohnumfeld, Teilhabemöglichkeiten und einer koordinierten, gerechten Versorgung. Wer Teilhabe stärkt, fördert Gesundheit – und schafft die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes und würdiges Altern.

Dr.in Anna-Christina Kainradl: Teilhabe älterer Menschen mit Migrationsbiographie: die Potentiale einer intersektionalen Perspektive

Dr.in Anna-Christina Kainradl vom Zentrum für Interdisziplinäre Alterns- und Care-Forschung der Universität Graz stellte in ihrem Vortrag die Teilhabe älterer Menschen mit Migrationsbiographie aus einer intersektionalen Perspektive in den Mittelpunkt. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass lebenslange soziale Benachteiligungen und Diskriminierungserfahrungen sich im Alter fortsetzen oder sogar verstärken können. Fragen der Teilhabe sind daher untrennbar mit sozialer Gerechtigkeit, Anerkennung und demokratischen Rechten verbunden.

Die ältere Bevölkerung mit Migrationsgeschichte ist hochgradig vielfältig („super-divers“). Dennoch zeigen Studien im Durchschnitt erhöhte Risiken in Bezug auf Armut, Krankheit, prekäre Wohnverhältnisse und eine schlechtere sozioökonomische Lage über den gesamten Lebensverlauf. Gleichzeitig sind Menschen mit Migrationsbiographie im Gesundheits- und Sozialwesen – sowohl als Nutzer:innen als auch als Professionelle – deutlich unterrepräsentiert. Forschung beschreibt Migration dabei als eine zentrale Ungleichheitslinie, die mit Erfahrungen komplexer Unsicherheit verbunden ist.

Der Vortrag machte deutlich, dass die bisherige Forschungslage lückenhaft ist. Internationale Studien fokussieren häufig auf Vulnerabilität, Pflege oder Politik, während Verbindungen zwischen kritischer Alterns- und Migrationsforschung selten sind. Ältere Menschen mit Migrationsbiographie bleiben dadurch oft „unsichtbar“. Zudem orientieren sich Altersbilder, Pflegeerwartungen und Versorgungskonzepte vielfach an universellen Normen, die der Vielfalt von Lebensläufen, transnationalen Bezügen und Mobilitäten nicht gerecht werden.

Ein zentrales Potenzial liegt in der intersektionalen Forschung aus Lebenslaufperspektive. Sie zeigt, dass Alter nicht automatisch eine Kumulation von Nachteilen bedeutet. Vielmehr verändern sich Risiken und Ressourcen in komplexer Weise – abhängig von Geschlecht, sozialer Herkunft, Migrationserfahrung, Klasse, sexueller Identität und weiteren Faktoren. Ziel ist es, defizitorientierte Sichtweisen zu vermeiden und stattdessen Handlungsspielräume und Ressourcen gesellschaftlicher Teilhabe sichtbar zu machen.

Anhand von Praxis- und Forschungsbeispielen wurde verdeutlicht, wie partizipative Ansätze gelingen können: Projekte, die in Sprache, Design und Methodik an Lebenswelten angepasst sind, stoßen auf großes Interesse an Austausch und Mitgestaltung. Begegnungen über Community-Grenzen hinweg ermöglichen nicht nur soziale Teilhabe, sondern auch den Austausch von Wissen und Erfahrungen. Damit rückt Teilhabe auch als Frage der Beteiligung an Wissensproduktion in den Fokus – ein Aspekt epistemischer Gerechtigkeit.

Abschließend betonte Dr.in Kainradl die Notwendigkeit von Orten des Zusammentreffens und der gegenseitigen Verständigung im Sinne einer kommunalen Sorgeethik. Eine intersektionale Lebenslaufperspektive hilft, Vielfalt sichtbar zu machen, Wechselwirkungen zu verstehen und Teilhabechancen auf struktureller, repräsentationaler und individueller Ebene zu erweitern. Für Forschung wie Praxis bedeutet dies, ältere Menschen mit Migrationsbiographie konsequent als aktive Wissensträger:innen und Mitgestaltende eines guten Zusammenlebens anzuerkennen.

Ministerium fĂĽr Gesundheit und Soziales des Landes Brandenburg

 
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