Die verschiedenen Teilprojekte wurden mit finanzieller UnterstĂĽtzung mehrerer Ministerien sowie aus Lottomitteln des Landes Brandenburg und durch das Seniorenpolitische MaĂźnahmepaket des Landes realisiert.
12. Brandenburger Aktionstag Wohnen im Alter 2024
Wohnen im Alter – Teilhabe als Möglichkeitsraum
Der 12. Brandenburger Aktionstag „Wohnen im Alter – Teilhabe als Möglichkeitsraum“ widmet sich der zentralen Frage, wie der Bereich „Wohnen im Alter“ als Raum für aktive Teilhabe gestaltet werden kann. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen innovative Ansätze und praxisorientierte Lösungen, die eine selbstbestimmte Lebensführung im Alter ermöglichen. Die Veranstaltung richtet sich an Fachkräfte aus den Bereichen Seniorenpolitik, Stadtentwicklung, Wohnungswirtschaft, Pflege sowie an Interessierte, die sich mit den Herausforderungen und Chancen des altersgerechten Wohnens auseinandersetzen möchten.
Ziele der Veranstaltung:
Die Veranstaltung bietet eine Plattform zur Diskussion und Reflexion über die verschiedenen Dimensionen des Wohnens im Alter, wobei der Schwerpunkt auf der Förderung der Teilhabe älterer Menschen an der Gesellschaft liegt.
Es werden konkrete Lösungsansätze präsentiert, die sowohl bauliche, soziale als auch digitale Aspekte integrieren und den Wandel hin zu einer inklusiven und partizipativen Wohnkultur vorantreiben.
Die Veranstaltung fördert den interdisziplinären Austausch und die Vernetzung von Fachkräften und Interessierten, um praxisorientierte Perspektiven zur Gestaltung des Wohnens im Alter zu entwickeln.
Termin: 20. Mai 2025
Format: Online-Konferenz (ZOOM)
Dokumentation
Am 20. Mai 2025 fand der 12. Brandenburger Aktionstag „Wohnen im Alter“ als digitale Fachveranstaltung statt. Im Mittelpunkt stand in diesem Jahr die Frage, wie das Wohnen im Alter als Möglichkeitsraum für gesellschaftliche Teilhabe gedacht und gestaltet werden kann. Ausgangspunkt der Veranstaltung war der 9. Altersbericht der Bundesregierung, der Teilhabe älterer Menschen als zentrale politische und soziale Herausforderung in den Fokus rückt.
Die Veranstaltung bot eine Plattform für Austausch und Vernetzung. In Vorträgen und Praxisbeispielen wurden konkrete Lösungsansätze vorgestellt, wie Teilhabe im Alter gefördert und wohnortnah ermöglicht werden kann – sei es durch altersfreundliche Quartiersentwicklung, neue Wohnformen, digitale Werkzeuge, soziale Landwirtschaft oder Modelle wie das Soziale Rezept.
Der Aktionstag verdeutlichte: Teilhabe im Alter ist kein Nebenaspekt, sondern ein zentrales Qualitätsmerkmal gelingender Wohn- und Lebensverhältnisse. Es braucht integrierte Konzepte, die bauliche, soziale und digitale Dimensionen zusammenführen und auf die vielfältigen Lebenslagen älterer Menschen reagieren. Gleichzeitig wurde betont, wie wichtig es ist, die Erkenntnisse politischer Berichte wie dem 9. Altersbericht in konkrete Maßnahmen vor Ort zu übersetzen – gemeinsam mit kommunalen Akteur:innen, Trägern und Senior:innen selbst.
Die Veranstaltung wurde in enger Kooperation mit der Fachstelle Altern und Pflege im Quartier (FAPIQ) sowie dem Landesseniorenbeauftragten des Landes Brandenburg, Norman Asmus, organisiert. Sie reiht sich ein in die kontinuierliche Reihe der Brandenburger Wohntage, die seit über einem Jahrzehnt Impulse für eine zukunftsfähige Gestaltung des Wohnens im Alter setzen.
Teilhabe im Alter - Impulse aus dem 9. Altersbericht der Bundesregierung
Zum Auftakt des Aktionstags präsentierte Dr. Frank Berner (Deutsches Zentrum für Altersfragen, Geschäftsstelle für die Altersberichte der Bundesregierung) zentrale Ergebnisse und Botschaften des 9. Altersberichts der Bundesregierung mit dem Titel „Alt werden in Deutschland – Vielfalt der Potenziale und Ungleichheit der Teilhabechancen“. Der Bericht betont, dass Wohnen ein wesentlicher Bestandteil der sozialen Teilhabe im Alter ist – und dass sich Teilhabe nicht auf Mitmachen beschränkt, sondern Selbstbestimmung, Entscheidungsfreiheit und die Möglichkeit zur aktiven Gestaltung des eigenen Lebens umfasst.
Dr. Berner fĂĽhrte ein in die verschiedenen Dimensionen von
Teilhabe: gesellschaftliche Zugehörigkeit, soziale Einbindung, Partizipation,
Gesundheit, Wohnen und Zugang zu Bildungsangeboten. Empirische Daten zeigen
jedoch, dass Teilhabechancen ungleich verteilt sind – abhängig von Faktoren wie
Einkommen, Bildung, Geschlecht, Migrationshintergrund oder Region. Besonders
deutlich wurde dies an Beispielen wie der ungleichen Beteiligung älterer
Menschen an Bildungsangeboten und der unterschiedlichen Nutzung digitaler
Technologien. So nehmen etwa hochgebildete Menschen deutlich häufiger an
Weiterbildungsangeboten teil als solche mit niedrigerem Bildungsstand.
Ein zentrales Thema des Vortrags war die strukturelle und
kulturelle Benachteiligung älterer Menschen – Ageismus. Alternde
Menschen erleben häufig stereotype Zuschreibungen, gut gemeinte Bevormundung
oder gar Diskriminierung. Ageismus sei eine besonders subtile Form sozialer
Ausgrenzung, weil er oft gar nicht als solcher erkannt werde, so Berner. Zudem
sei jeder Mensch mit dem Älterwerden potenziell betroffen.
Der 9. Altersbericht formuliert daher drei zentrale Botschaften:
1. Vielfalt
anerkennen: Das Alter ist keine homogene Lebensphase – es gilt, die
unterschiedlichen Lebensrealitäten älterer Menschen sichtbar zu machen und
anzuerkennen.
2. Benachteiligungen
abbauen: Politische MaĂźnahmen sollten gezielt soziale Ungleichheiten
verringern, etwa durch barrierefreies Wohnen, bessere Zugänge zu Bildung
und Gesundheitsversorgung sowie durch die Stärkung lokaler
UnterstĂĽtzungsstrukturen.
3. FĂĽr
Ageismus sensibilisieren: Altersbilder hinterfragen, stereotype
Zuschreibungen abbauen und eine diskriminierungsfreie Haltung gegenĂĽber
älteren Menschen fördern.
Berner betonte, dass die Gestaltung des Wohnumfelds ein
entscheidender Hebel sei, um Teilhabe zu ermöglichen oder zu verhindern. Die
Entwicklung altersfreundlicher Quartiere, die neben baulichen Aspekten auch
soziale und digitale Teilhabe ermöglichen, sei daher von zentraler Bedeutung
fĂĽr eine integrierte Alters- und Sozialpolitik.
Mit seiner Präsentation lieferte Dr. Berner einen
umfassenden Bezugsrahmen fĂĽr den Aktionstag: Er machte deutlich, dass Wohnen
weit mehr ist als ein Dach über dem Kopf – es ist ein Möglichkeitsraum für
Selbstbestimmung, soziale Einbindung und Lebensqualität im Alter. Die Impulse
aus dem 9. Altersbericht bieten damit nicht nur eine wissenschaftliche
Fundierung, sondern auch eine politische Handlungsaufforderung.
Gesundheitsstadt Berlin - Stadtentwicklung für Teilhabe
Im Rahmen des 12. Brandenburger Aktionstags „Wohnen im Alter – Möglichkeitsräume für Teilhabe“ stellte Dr. Daniel Dettling von Gesundheitsstadt Berlin e. V. ein zukunftsweisendes Konzept für altersgerechtes Wohnen vor. Im Mittelpunkt seines Beitrags stand die Frage, wie es gelingen kann, auch in einer alternden Gesellschaft Teilhabe, Selbstbestimmung und Lebensqualität im vertrauten Wohnumfeld zu sichern. In seinen Augen spielen sich Thema und Antworten vor allem in den Kommunen ab. So verweist Dr. Dettling auch auf das Bestreben Berlins, als erstes Bundesland ein Altenhilfestrukturgesetz zu entwickeln.
Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass die Mehrheit älterer
Menschen so lange wie möglich in der eigenen Wohnung bleiben möchte – und dass
die vorhandenen Wohn- und Versorgungsstrukturen darauf bislang unzureichend
vorbereitet sind. Barrierefreiheit ist vielerorts nicht gegeben, pflegerische
Angebote sind ĂĽberlastet oder fehlen, und soziale Isolation stellt fĂĽr viele
Alleinlebende ein ernstes Risiko dar.
Dr. Dettling betonte, dass ein selbstbestimmtes Leben im
Alter nicht allein eine Frage von Versorgung und Pflege ist, sondern auch eine
Frage der Selbstwirksamkeit. Er sieht hier eine gesamtgesellschaftliche
Gestaltungsaufgabe: Stadtplanung, Wohnungswirtschaft, Pflegeakteure und
Zivilgesellschaft mĂĽssen gemeinsam daran arbeiten, altersfreundliche Quartiere
zu schaffen. Diese Quartiere zeichnen sich durch baulich flexible,
bezahlbare Wohnungen, pflegenahe Versorgung, gute Erreichbarkeit,
soziale Vernetzung und digitale UnterstĂĽtzungssysteme aus.
Besonderes Potenzial sieht er in der gezielten VerknĂĽpfung
digitaler Technologien mit nachbarschaftlicher UnterstĂĽtzung: Intelligente
Assistenzsysteme können Sicherheit und Autonomie im Alltag stärken, digitale
Plattformen können Nachbarschaften vernetzen und pflegende Angehörige
entlasten. Entscheidend sei jedoch, dass solche Lösungen niedrigschwellig
zugänglich sind – sowohl finanziell als auch in der Anwendung.
Eindrücklich verwies Dr. Dettling auf die prognostizierten Versorgungslücken in der Pflege, die sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen werden. Die Herausforderung sei wegen des demographischen Wandels eine doppelte: einerseits nehme die Zahl der pflege- bzw. unterstützungsbedürftigen Menschen zu, gleichzeitig sinke die Zahl der professionell Pflegenden. Er zitierte Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, mit den Worten:
„In dem System, in dem wir heute sind, kriegen wir in
Zukunft die Pflege nicht geleistet. Wir werden erleben, dass Menschen
unversorgt bleiben – mit allen Konsequenzen.“
Vor diesem Hintergrund sei das Konzept des „Ageing in Place“ – das Altern in der eigenen Wohnung und im vertrauten Sozialraum – nicht nur ein Wunsch vieler Menschen, sondern eine Notwendigkeit. Voraussetzung dafür sind strukturelle Anpassungen: vom barrierearmen Umbau über digitale Kompetenzen bis hin zur Entwicklung von Caring Communities, in denen institutionelle und zivilgesellschaftliche Unterstützung Hand in Hand gehen.
Sein Fazit: Altersgerechtes Wohnen muss zur zentralen
Zukunftsaufgabe der (kommunalen) Stadtentwicklung werden. Es sind
Investitionen notwendig, aber auch neue Allianzen zwischen Akteuren aus
verschiedenen Tätigkeitsfeldern und politische Entschlossenheit, um Städte und lädnliche
Regionen – als Orten zu gestalten, in denen Menschen in jeder Lebensphase gut
und selbstbestimmt wohnen können.
Grün-Weiße Kooperation: Dezentrale Angebote für Wohnen und gemeinschaftliches Tun in Sozialer Landwirtschaft für Ältere
Dipl.-Ing. Annegret Huth von der Praxisforschungsstelle für Lebensmodelle im Alter auf dem Land an der KHSB stellte unter dem Titel „Grün-Weiße Kooperation: Dezentrale Angebote für Wohnen und gemeinschaftliches Tun in Sozialer Landwirtschaft für Ältere“ ein zukunftsweisendes Modell vor, das Teil des Projekts Alterperimentale ist.
Im Zentrum ihres Beitrags stand die Frage, wie ländliche
Räume zu Orten werden können, die gutes Altern ermöglichen – gerade auch unter
den Bedingungen des demografischen Wandels. Annegret Huth verwies auf den
geburtenstärksten Jahrgang in Ost- wie Westdeutschland – 1964 – der in den
nächsten Jahren das Rentenalter erreicht. Zugleich verschärft sich die
Arbeitskräftesituation im ländlichen Raum, insbesondere in sozialen,
pflegerischen und gemeinschaftsbezogenen Bereichen. Diese Entwicklung fordert
nicht nur neue Infrastrukturen, sondern auch neue Konzepte des Zusammenlebens
und der Alltagsgestaltung.
Das von ihr vorgestellte Modell verbindet Wohnen,
Beteiligung, Tagesgestaltung und Bildung in der Sozialen Landwirtschaft
– einem Feld, das zugleich produktiv, sinnstiftend und gemeinschaftsorientiert
ist. In sogenannten „grün-weißen Kooperationen“ werden soziale und
landwirtschaftliche Räume miteinander verbunden, sodass ältere Menschen
sowohl in ihrem Lebensumfeld aktiv bleiben als auch neue Formen der Teilhabe
entwickeln können. Es geht dabei nicht nur um Versorgung, sondern um Teilhabe
durch Mitgestaltung: Ältere Menschen werden ermutigt, sich einzubringen –
sei es in der Pflege von Gärten, in der Organisation gemeinsamer Aktivitäten
oder in der Weitergabe von Wissen.
Ein besonderes Anliegen ist der Praxisforschungsstelle
dabei, Selbsthilfe- und Bildungsprozesse im ländlichen Raum zu stärken.
Die Entwicklung solcher dezentralen Angebote folgt dem Prinzip der Selbstwirksamkeit:
Es geht um die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können – auch im Alter, auch
auf dem Land. Damit rĂĽckt das Modell auch das Ehrenamt und bĂĽrgerschaftliches
Engagement in den Blick, als wichtige Ressource fĂĽr ein gutes Leben im Alter.
Das Beispiel aus Heinersdorf (Landkreis
Märkisch-Oderland) zeigt exemplarisch, wie lokale Kooperationen – etwa
zwischen landwirtschaftlichen Betrieben, sozialen Einrichtungen, Kommunen und
älteren Menschen – zu tragfähigen Lösungen führen können. Die Angebote
entstehen dabei nicht „von oben“, sondern in enger Abstimmung mit den Menschen
vor Ort – partizipativ, bedarfsorientiert und nachhaltig.
Der Beitrag von Annegret Huth machte deutlich:
Ländliche Räume sind keine „Problemräume“, sondern Gestaltungsräume,
wenn ältere Menschen als kompetente Akteur:innen mitgedacht und -einbezogen
werden. So entstehen Möglichkeitsräume für ein gutes Leben im Alter – jenseits
standardisierter Pflege- oder Wohnformen, mitten im Alltag.
Digitale Räume für Teilhabe – mittendrin.in statt offline
Unter dem Titel „Digitale Räume für Teilhabe – mittendrin.in statt offline“ stellte Dr. Christa Etter die Plattform mittendrin.in vor – ein digitales Werkzeug zur Förderung von Teilhabe und Vernetzung im unmittelbaren Lebensumfeld älterer Menschen.
Sie betonte, dass digitale
Teilhabe heute ebenso entscheidend fĂĽr gelingendes Wohnen im Alter ist wie
barrierefreie Infrastruktur oder soziale Kontakte. Gerade mit zunehmendem Alter
– wenn Mobilität abnimmt und persönliche Netzwerke sich verändern – kann der
Zugang zu relevanten Informationen, Angeboten und sozialen BezĂĽgen den
Unterschied machen zwischen RĂĽckzug und aktiver Teilhabe.
mittendrin.in ist eine digitale Plattform für Soziale Träger,
Wohlfahrtsverbände, Seniorenbeiräte und engagierte Bürger:innen. Sie wurde
gemeinsam mit älteren Menschen entwickelt und orientiert sich konsequent an
ihren Bedürfnissen. Ziel ist es, niedrigschwellige Zugänge zu lokalen
Informationen, Veranstaltungen, Hilfeangeboten, ehrenamtlichem Engagement und
nachbarschaftlichen Aktivitäten zu ermöglichen – nicht als komplexe App,
sondern als leicht bedienbares Online-Werkzeug, das auf Barrierefreiheit und Verständlichkeit
ausgelegt ist.
Ein zentrales Merkmal der
Plattform ist ihr partizipativer Ansatz: Alle, die im Quartier aktiv
sind – sei es als Einzelperson, Initiative oder Träger – können eigene Angebote
selbstständig einstellen und sichtbar machen. Die Plattform wird so zu einem
lebendigen Informations- und Teilhabeportal, das Beteiligung fördert, digitale
Kompetenzen stärkt und bürgerschaftliches Engagement im Nahraum unterstützt.
Dr. Etter hob hervor, dass mittendrin.in bewusst lokal verankert ist. Statt einer deutschlandweiten Lösung entstehen ortsbezogene Plattformen, die sich an die Gegebenheiten und Bedarfe vor Ort anpassen lassen. Entwickelt wurde das Projekt in der Region Potsdam. Inzwischen liegt eine Förderzusage für die Ausweitung auf weitere Landkreise vor – perspektivisch ist ein brandenburgweites Angebot geplant.
mittendrin.in zeigt, dass digitale Räume ein integraler
Bestandteil altersgerechter Wohnumfelder sind – nicht als Ersatz für
persönliche Begegnung, sondern als deren Ermöglichungsstruktur. Die Plattform
schafft Sichtbarkeit, senkt Zugangshürden und eröffnet neue Wege zur Teilhabe –
analog und digital, nachbarschaftlich und vernetzt. Ein ĂĽberzeugendes Beispiel
dafĂĽr, wie Digitalisierung im Alter empowernd wirken kann.
Soziales Rezept – Teilhabe durch persönliche Ansprache
Im Rahmen des 12. Brandenburger Aktionstags stellten Natalie Viaux und Dr. Hendrik Napierala eine Machbarkeitsstudie zu einem in Deutschland noch jungen, aber vielversprechenden Konzept vor: dem Sozialen Rezept. Im Zentrum steht die Verknüpfung von medizinischer Versorgung und sozialer Teilhabe – also die Einsicht, dass Gesundheit nicht nur im Wartezimmer entsteht, sondern auch in der Gemeinschaft, im Alltag und im persönlichen Erleben. Und dass der Sozialraum aktiv zur Förderung individueller Gesundheit beitragen kann.
Natalie Viaux berichtete
anschaulich aus ihrer Arbeit als Link-Workerin in einer Hausarztpraxis in
Brandenburg an der Havel. Sie wird tätig, nachdem der Hausarzt bei einem
Patienten oder einer Patientin einen Bedarf an sozialer Unterstützung erkennt –
etwa bei Einsamkeit, dem Wunsch nach mehr Aktivität oder einem Beratungsbedarf
zu Unterstützungsangeboten. In einem strukturierten Verfahren erfolgt zunächst
ein Gespräch mit einer Projektmitarbeiterin zur Erhebung der Eckdaten. Die
Link-Workerin selbst erhält lediglich Grundinformationen, um möglichst
unvoreingenommen in die Begegnung zu gehen.
In einem kreativen und
empathischen Prozess erarbeitet Natalie Viaux gemeinsam mit den Patient:innen
individuelle Ansatzpunkte, Interessen und Perspektiven. Ziel ist die
Entwicklung eines realistischen Aktionsplans – einer Art sozialer Verschreibung
–, der konkrete Wege zur gesellschaftlichen Teilhabe eröffnet. In ihrem Vortrag
schilderte sie eindrucksvoll, wie dabei zunächst Vertrauen aufgebaut werden
muss und wie häufig Zurückhaltung oder innere Hürden („Ja, aber…“) zu
ĂĽberwinden sind. Erst durch behutsames BrĂĽckenbauen entsteht ein Raum, in dem
neue Handlungsmöglichkeiten sichtbar werden. Das kann ebenso die Vermittlung zu
einem bestehenden Beratungsangebot sein wie die Wiederentdeckung eines alten
Hobbys – etwa gemeinsames Rudern.
Dr. Hendrik Napierala ergänzte
diese Praxisperspektive mit einem Ăśberblick zur wissenschaftlichen Begleitung.
Aktuell sind im Projekt drei Link-Worker:innen im Einsatz, alle mit fachlichem
Hintergrund im Sozial- oder Gesundheitswesen. Ziel sei es, nicht nur
Einzelpersonen zu begleiten, sondern auch lokale Strukturen der Teilhabe zu
stärken. Das Soziale Rezept versteht sich dabei als Brückenbauer und aber auch
als Impulsgeber – zur besseren Vernetzung bestehender Angebote und zur
Entwicklung nachhaltiger, niedrigschwelliger UnterstĂĽtzungsstrukturen vor Ort.
Während das Konzept in Ländern wie Großbritannien bereits fest im
Gesundheitssystem verankert ist, stellt sich in Deutschland noch die Frage nach
dauerhaften Strukturen und Zuständigkeiten. Wer trägt die Verantwortung?
Hausärzt:innen, Kommunen, Wohlfahrtsverbände – oder braucht es neue Ansätze?
Die bisherigen Erfahrungen zeigen deutlich: Bedarf und Potenzial sind vorhanden
– ebenso wie die Bereitschaft vieler Menschen, sich auf diesen Weg einzulassen.
Diskussion – Altersberichte, Teilhabe und die Umsetzung vor Ort
Im Zentrum der abschließenden Diskussionsrunde stand die Frage, wie die Impulse des 9. Altersberichts der Bundesregierung konkret auf Landes- und kommunaler Ebene aufgegriffen und umgesetzt werden können. Dabei wurde deutlich, dass Altersberichte wichtige Impulsgeber und Argumentationshilfen sind – ihre Wirkung jedoch davon abhängt, wie gut es gelingt, ihre Inhalte in die praktische Seniorenpolitik und konkrete Handlungsempfehlungen auf verschiedenen Ebenen zu übersetzen.
Altersberichte als Impulsgeber
Frank Berner betonte, dass der Fokus des aktuellen Altersberichts auf älteren Menschen liegt, deren Teilhabe besonders gefährdet ist – etwa durch soziale Benachteiligungen, die sich im Lebensverlauf kumulieren. Die Bundesregierung wolle mit dem Bericht auch für Altersdiskriminierung („Ageismus“) sensibilisieren.
Jenny Block wies auf die Notwendigkeit hin, die Erkenntnisse aus dem Bericht „herunterzubrechen“ – auf die Ebene von Ländern, Kommunen und sozialen Trägern. Dazu gehöre auch eine gezielte Übersetzungsarbeit, die die wissenschaftlichen Inhalte für unterschiedliche Zielgruppen zugänglich mache. Altersberichte könnten Themen sichtbar machen und zur Sprache bringen, die sonst unsichtbar blieben.
Landesseniorenbeauftragter Norman Asmus erinnerte an die Wirkung früherer Altersberichte: Der 8. Altersbericht zum Thema Digitalisierung Älterer sei zur rechten Zeit erschienen und habe konkrete Programme wie den „DigitalPakt Alter“ angeschoben mitsamt den inzwischen mehr als 250 Erfahrungsorten. Auch die im 7. Altersbericht behandelten „Sorgenden Gemeinschaften“ seien z. B. - wenn auch mit zeitlicher Verzögerung - in Brandenburg durch den Pakt für Pflege aufgegriffen worden. Er regte an, den 9. Bericht aktiv in die Fortschreibung der seniorenpolitischen Leitlinien des Landes Brandenburg einfließen zu lassen.
Perspektiven fĂĽr die regionale Umsetzung
Dr. Ingrid Witzsche betonte die Bedeutung der Diskussion mit regionalen Netzwerken und Seniorenbeiräten. Es brauche konkrete Maßnahmen vor Ort, damit der Bericht keine reine Expertendebatte bleibe. Die Seniorenbeiräte könnten hier wichtige Mittlerrollen einnehmen.
Auch Jenny Block betonte, dass die Berichte eine wertvolle Argumentationshilfe für kommunale Akteure seien, gerade wenn es um lang bekannte Themen mit wiederkehrender Relevanz gehe. Sie wies aber auch auf die systemimmanente Verzögerung solcher Prozesse hin – insbesondere, wenn Kommunen mehr Verantwortung übernehmen sollen, dafür aber noch die nötigen Strukturen oder das Selbstverständnis fehle.
Eveline Miethke, Vorsitzende des Seniorenbeirats Letschin, machte deutlich, dass insbesondere ländliche Regionen wie der Landkreis Märkisch Oderland, mit der höchsten Zahl Pflegebedürftiger in Brandenburg, dringend eine dauerhafte Infrastruktur für Beratung und Teilhabe bräuchten. Sie forderte, sich als Seniorenvertretung konstruktiv mit den Inhalten des Berichts auseinanderzusetzen.
Teilhabe ermöglichen - digital und analog
Jenny Block schilderte das Dilemma in einer selbstverwalteten Wohnungsgenossenschaft: Um Plena effizient zu halten, laufen vorbereitende Diskussionen digital – viele ältere Bewohner:innen fühlen sich dadurch ausgeschlossen. Sie sind mit den genutzten Tools nicht vertraut oder empfinden das Diskussionsformat als zu schnell.
In der Diskussion wurde deutlich, dass Teilhabe nicht nur durch digitale Hürden erschwert wird – auch analoge Räume wie der Kaffeeklatsch schließen andere aus. Teilhabe erfordert daher eine wechselseitige Übersetzungsarbeit zwischen analogen und digitalen Kommunikationskulturen.
Vorgeschlagen wurden hybride Formen der Meinungsbildung, begleitende Unterstützung durch Digitallots:innen aus der Hausgemeinschaft und ein sensibler Umgang mit verschiedenen Kommunikationsbedürfnissen. Ziel sei es, gleichberechtigte Teilhabe für alle zu ermöglichen – unabhängig vom digitalen Vorwissen.
Weitere Stimmen betonten ...
- ... die Rolle der Wohnungsbaugesellschaften als Partner bei aufsuchender Beratung und Nachbarschaftsarbeit (Beispiel: Bielefelder Modell)
- ... die Potenziale lokaler Einrichtungen wie Bibliotheken und Vereinshäuser für niedrigschwellige digitale Angebote
- ... die Bedeutung kleiner Werkstattprojekte, die auf bereits bestehende Strukturen aufbauen – z. B. durch Spenden und Aufbereitung gebrauchter Geräte
Ausblick: Regionale Dialogforen und weitere Impulse
Norman Asmus kündigte die Durchführung von vier Online-Dialogforen in Brandenburg an. Diese sollen von der Akademie 2. Lebenshälfte gemeinsam mit dem Landesseniorenrat organisiert werden, um zentrale Inhalte des Altersberichts konkret auf Brandenburg herunterzubrechen und mit Praxisbeispielen zu untermauern.
Er griff auch das Anliegen auf, „Versäulungen“ in der Altenarbeit aufzubrechen. In der Diskussion wurde deutlich: Komplexe Problemlagen brauchen bereichsübergreifende Lösungen. Es brauche mehr sektorenübergreifende Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Krankenhäusern, Pflege, Kassen und Wohnungswirtschaft – insbesondere dort, wo bestehende Infrastrukturen (z. B. Krankenhäuser) ausgedünnt werden. Kommunen sollten gestärkt werden, damit sie diese Verantwortung auch tatsächlich übernehmen können.
In seinem Schlusswort betonte der Landesseniorenbeauftragte die Relevanz des Themas "Teilhabe im Alter" in all seinen Dimensionen -- sozial, digital, baulich. Er verwies auf den "Teilhabe-Diamanten", ein von der Altersberichtskommission entwickeltes Konzept zur differenzierten Betrachtung von Teilhabehemmnissen.
Er verwies auch auf aktuelle politische Entwicklungen:
- Der Pakt für Pflege wurde bis 2027 verlängert – dank vieler engagierter Rückmeldungen aus der Praxis.
- Die soziale Wohnraumförderung bleibt mit 250 Mio. € im Landeshaushalt verankert. Die Förderrichtlinien sollen unter Berücksichtigung von Barrierefreiheit 2026 überarbeitet werden.
- Die Bauordnung wird überarbeitet. Auch hier soll das altersgerechte Wohnen Berücksichtigung finden.
- Es laufen Gespräche für einen Neustart des „Runden Tisches Wohnen im Alter“.
Stimmen der Teilnehmenden - was bleibt?
In der Abschlussrunde bat Moderatorin Jenny Barthel um zentrale Gedanken, die die Teilnehmenden aus der Veranstaltung mitnehmen:
- Das gute Gefühl, mit den eigenen Aktivitäten auf dem richtigen Weg zu sein
- Neue Vernetzungspartner, z. B. über die Plattform mittendrin.in
- Die Bedeutung von „Scharnierpersonen“, die Verbindungen zwischen Systemen und Akteuren schaffen
- Die Anerkennung digitaler Teilhabe ohne Zwang zur Digitalisierung
- Das Bewusstsein, dass ein gutes Netzwerk „Gold wert“ ist
- Die Freude auf den 13. "Wohntag"
Links und Downloads
Präsentationen zu den einzelnen Beiträgen:
Dr. Frank Berner - Teilhabe im Alter - Impulse aus dem 9. Altersbericht der Bundesregierung
12. Aktionstag Wohnen im Alter - Dr. Frank Berner - Teilhabe - 9. Altersbericht
PDF-Datei (1 MB), Juli 2025
Dr. Daniel Dettling - Gesundheitsstadt Berlin - Stadtentwicklung für Teilhabe
12. Aktionstag Wohnen im Alter - Dr. Daniel Dettling - Gesundheitsstadt Berlin
PDF-Datei (3 MB), Juli 2025
Annegret Huth - Grün-Weiße Kooperation: Dezentrale Angebote für Wohnen und gemeinschaftliches Tun in Sozialer Landwirtschaft für Ältere
12. Aktionstag Wohnen im Alter - Annegret Huth - Grün-Weiße Kooperation
PDF-Datei (4 MB), Juli 2025
Dr. Christa Etter - Digitale Räume für Teilhabe – mittendrin.in statt offline
12. Aktionstag Wohnen im Alter - Dr. Christa Etter - mittendrin.in
PDF-Datei (4 MB), Juli 2025
Links, die während der Veranstaltungen im Chat geteilt wurden:

